Chris Hemsworth, Halle Berry und Mark Ruffalo in einem Crimethriller, der schwer an Michael Manns Genreklassiker „Heat“ erinnert.
Einsamer Wolf mit Sehnsucht
Ein schwer zu fassender Gangster. Ein Cop, der ihn unbedingt zur Strecke bringen will. Eine schicksalhafte Verbundenheit zwischen Jäger und Gejagtem. Als Hintergrund die pulsierende Westküstenmetropole Los Angeles. Bei diesen Schlagworten kommt einem schnell Michael Manns Krimimeisterwerk „Heat“ in den Sinn, das Robert De Niro und Al Pacino in den Hauptrollen auf Kollisionskurs schickte. Die eingangs genannten Stichpunkte treffen allerdings auch auf „Crime 101“, die neue Regiearbeit des Engländers Bart Layton („Der Blender - The Imposter“), zu. Dass man den Genreklassiker von 1995 im Hinterkopf hat, ist für die Verfilmung der gleichnamigen Novelle Don Winslows nicht gerade von Vorteil. Losgelöst von dem Vergleich gibt der vibrierende Großstadtthriller aber keine schlechte Figur ab.
Marvel-Star Chris Hemworth verkörpert in der Literaturadaption einen gerissenen Juwelendieb mit dem Tarnnamen Mike Davis, der bei seinen gut geplanten Raubzügen klaren Prinzipien folgt. Dort, wo er zuschlägt, ist der Freeway 101 stets in Reichweite. Und nie feuert er seine Waffe ab. Dass der Einzelgänger zwar ein umsichtiger Planer, jedoch keine emotionslose Maschine ist, zeigt sich, als ihm bei einem Coup die Kontrolle entgleitet und er nur um Haaresbreite heil aus der Sache herauskommt. Vor seinem nächsten Überfall will er es daraufhin ruhiger angehen lassen, was seinem Auftraggeber (gebrechlich, aber präsent: Nick Nolte) nicht wirklich schmeckt.
Weil Davis von diesem schließlich gelinkt wird, bereitet der Gangster sein vielleicht letztes großes Ding im Alleingang vor. Dafür nähert er sich der Versicherungsmaklerin Sharon (Halle Berry) an, die in ihrer Firma mit Beförderungsversprechen hingehalten wird und dementsprechend frustriert ist. Auf Anweisung der hellhörig gewordenen Nick-Nolte-Figur heftet sich allerdings der skrupellose Ormon (Barry Keoghan) an Mikes Fersen, um im entscheidenden Moment die Beute abgreifen zu können. Parallel verfolgt zudem LAPD-Detective Lubesnick (Mark Ruffalo), gegen alle Widerstände in der eigenen Behörde, die Spur des Juwelenräubers.
„Crime 101“ greift auf den im Genre weit verbreiteten Archetypus des einsamen Wolfs zurück, unterläuft das Motiv zugleich aber auch. Davis mag auf seine Arbeit fokussiert sein. Und doch ist ihm die Sehnsucht nach Nähe und Geborgenheit keineswegs fremd. Auf sympathisch-holprige Weise bahnt sich eine Beziehung mit Maya (Monica Barbaro) an, die versehentlich auf seinen Wagen auffährt. Im Beisein von ihr scheint eine innere Zerrissenheit durch, die der Film vielleicht noch etwas genauer hätte sezieren können. Trotz interessanter Ansätze bleibt die Charakterisierung des ordnungsliebenden Verbrechers etwas zu oberflächlich, um ein wirklich faszinierendes Psychogramm zu ergeben.
Nerven werden gekitzelt
Nicht neu, aber durchaus fruchtbar ist die Idee, Verbindungen zwischen Mike, Sharon und Lubesnick zu ziehen. Sie alle sind Außenseiter, haben enttäuschende Erfahrungen gemacht, die ihr Handeln maßgeblich bestimmen. Während der Räuber den Erlebnissen seiner Kindheit entkommen will, brennt die Versicherungsangestellte, eine Frau in ihren Fünfzigern, darauf, endlich den Lohn für ihren langjährigen beruflichen Einsatz zu erhalten. Themen wie Sexismus und Altersdiskriminierung reißt der Film an ihrem Beispiel an, was Halle Berry vor allem für einen im Gedächtnis bleibenden Gefühlsausbruch nutzt.
Auch Mark Ruffalo, der hier einen ähnlich zerknitterten Polizisten wie in der 2025 veröffentlichten HBO-Serie „Task“ verkörpert, steht in seinem Job allein auf weiter Flur da. Niemand im LAPD interessiert sich für seine Theorie, wonach die Überfälle am Freeway 101 ein und demselben Muster folgen. Da er allerdings keine Ruhe gibt, bremst ihn sein Vorgesetzter (Matthew Del Negro) hart aus. Zu allem Überfluss ist auch noch die Ehe des Detectives im Eimer. Ein typisches Ermittlerklischee, das „Crime 101“ eher schludrig in die Geschichte einwebt. Verschenkt werden auf jeden Fall die darstellerischen Fähigkeiten der nur kurz auftauchenden Jennifer Jason Leigh in der Rolle seiner fremdgehenden Gattin.
Das sich entspinnende Katz-und-Maus-Spiel zwischen den unterschiedlichen Parteien setzt manchmal zu sehr auf das Zufallsprinzip (das dann sogar offen thematisiert wird) und nimmt die ein oder andere vorhersehbare, hingebogene Wendung. Erzählerische Dellen gleicht Regisseur Bart Layton jedoch durch eine druckvolle, Leerlauf unterbindende Inszenierung aus. Schon der Raub am Anfang treibt die Spannung dank pulsierender L.A.-Bilder und bedrohlich wummernder Klänge effektiv nach oben.
Mindestens ebenso gelungen sind eine Verfolgungsjagd zwischen Davis und Ormon sowie das gut getaktete Finale. Gewinnbringend sind natürlich auch die beherzten Darbietungen von Hemsworth, Berry und Ruffalo, mit denen sie Interesse an ihren Figuren und deren Schicksal wecken können. Eine eindringliche Performance liefert überdies Barry Keoghan ab, die dennoch darunter leidet, dass Ormon als brutaler Heißsporn etwas zu flach gezeichnet ist.
Fazit
Ein gut gespielter Crimethriller, der das Genre sicherlich nicht neu definiert, seine Geschichte aber mit der nötigen Dringlichkeit vorantreibt und so manche Drehbuchschwäche übertünchen kann.